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© Recover your smile e.V.

„Hab keinen Bock zu sterben. Muss jetzt kämpfen.“ – Ein Interview mit der Krebskriegerin

Lebensfroh. Optimistisch. Susanna ist 30 Jahre alt und Palliativpatientin. In ihrem Facebook Blog  Krebskriegerin berichtet sie über ihren Alltag mit dem Krebs. Erfahren Sie in diesem Interview, wie der Krebs ihr Leben verändert hat und wie sie das Leben trotzdem in vollen Zügen genießen kann.

Oncovia: Kannst Du Dich kurz selbst vorstellen und etwas über Deine Krebsdiagnose erzählen?

Susanna: Ich bin Susanna, 30 Jahre alt und lebe in der Nähe von Nürnberg. Ich habe seit Kindesalter Morbus Crohn, das ist eine chronisch-entzündliche Darmkrankheit, mit der ich mich aber gut arrangiert habe. Ich stand gerade mitten im Leben, mein berufsbegleitendes Studium war in den letzten Zügen und ich plante zur Belohnung die Erfüllung eines großen Traumes: Eine Rucksacktour durch Indonesien. Im Frühsommer 2015 habe ich mich allerdings zunehmend müde und erschöpft gefühlt, immer häufiger Schmerzen  im Bauchbereich bekommen und viel abgenommen. Ich dachte zuerst, dass ich einfach zu viel um die Ohren habe und mein Bauch deshalb rebelliert. Leider spitzte sich die Lage zunehmend zu, im August konnte ich plötzlich nicht mehr essen und war nicht mehr im Stande zur Arbeit zu gehen, oder in irgendeiner Form am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Im Oktober wurde ich mit Blaulicht ins Krankenhaus gebracht, da mein Darm sich zu einem 14cm großen und entzündeten Ball verklebt hat und ich deshalb einen Darmverschluss hatte. Während der OP wurde in diesem Ball leider ein bereits 6,5cm großer Tumor gefunden und auch ein Lymphknoten war befallen.

Leider war aber auch zu diesem Zeitpunkt noch nicht der Tiefpunkt meiner Krebsgeschichte erreicht. Im Dezember 2015 mussten mir die Ärzte leider mitteilen, dass es keine Heilungsaussichten mehr für mich gibt, da der Tumor in die Lymphknoten im Bauchraum gestreut hatte und auch in die Leber. Seitdem bin ich also leider Palliativpatientin.

O: Wie kamst Du zu Deinem Blog „Krebskriegerin“ und wie ist der Name dafür entstanden?

S: Nach meiner Krebsdiagnose brach für mich eine Welt zusammen. Ich war doch gerade so glücklich und zufrieden, ich hatte nichts verbrochen und mich immer bemüht, gut zu anderen, aber auch zu mir zu sein. Und nun sollte ich plötzlich sterben? Das war so unfair, ich war doch noch lange nicht fertig damit zu leben… Ich wollte doch noch so viele schöne Dinge erleben und in Indonesien war ich ja auch noch nicht! Aufgeben war keine Option, also zog ich in den Kampf. Und hinter mir stand plötzlich eine ganze Armee aus Menschen: mein Partner, Familie, Freunde, Kollegen… Ich war nicht allein in diesem Kampf, wir waren viele. Um sie auf dem Laufenden zu halten, aber auch um mein Schicksal in die Welt hinauszutragen, beschloss ich über meine Erkrankung zu bloggen. Ich wollte Bewusstsein dafür schaffen, dass Krebs nicht so weit weg ist, wie man immer denkt. Es kann jeden treffen, egal ob jung oder alt. So tippte ich also irgendwann „Hab keinen Bock zu sterben. Muss jetzt kämpfen.“ – und die Krebskriegerin war geboren.

Neben dem Informationszweck hilft mir mein Blog auch persönlich sehr dabei, den Krebs und die vielen, für mich schlimmen Erlebnisse zu verarbeiten, Trauer über mein Schicksal zu bewältigen und zu zeigen, dass mit einer Krebsdiagnose das Leben nicht gleich zu Ende ist, sondern immer noch schön und lebenswert sein kann.

O: Du bist 30 Jahre alt und Palliativpatientin, wie hat die Diagnose Dein Leben verändert?

S: Die Palliativdiagnose war natürlich schon ein harter Schlag und hat erst einmal alles durchgerüttelt. Ich fühlte mich um meine Lebenszeit betrogen, immerhin ist meine Lebenserwartung vermutlich deutlich kürzer als die anderer Menschen. Viele Dinge musste ich deshalb aus meinem Leben streichen, ich werde voraussichtlich nie Kinder bekommen und sie aufwachsen sehen, nicht mehr am normalen Vollzeit-Arbeitsalltag teilnehmen und die Unbeschwertheit in den Tag hineinzuleben, ohne mir Gedanken um Krankheiten oder den Tod zu machen, werde ich wohl auch nicht mehr zurückbekommen.

Das alles zu akzeptieren war ein langer und schwerer Prozess, aber inzwischen habe ich die Palliativdiagnose für mich ganz gut angenommen und mache das Beste daraus, ich kann es ja ohnehin nicht ändern. Ich habe deshalb beschlossen, meine Tage mit so viel Freude und Leben zu füllen, wie es nur geht. Für mich zählt nicht mehr die Lebensquantität, sondern die Qualität.

O: Auf Deinem Blog sieht man, dass Du sehr optimistisch und lebensfroh bist, verlierst Du auch manchmal die Hoffnung?

S: Die Hoffnung auf eine gute Zeit ist für mich der Motor, der mich antreibt. Und auch als es mir sehr schlecht ging, flackerte sie immer noch ganz zart vor sich hin. Ich bin davon überzeugt, sobald die Hoffnung erlischt, geht der Weg nur noch bergab, deshalb klammere ich mich an positive Gedanken und versuche immer optimistisch zu sein. Irgendwie wirds schon werden, auch wenn man es sich manchmal nur schwer vorstellen kann.

Was mich allerdings gelegentlich schon verlässt, ist der Mut. Krebs zu haben, bedeutet einen wilden und oft hässlichen Ritt in einer Achterbahn. Da kann und darf man schon mal Angst bekommen. Vor meinen Kontrolluntersuchungen bin ich zum Beispiel ein nervliches Wrack. Man kann mich nicht richtig ansprechen, ich bin zart besaitet, weinerlich und schnell wütend. So gut ich düstere Gedanken im Alltag beiseite schieben kann, so sehr gewinnen sie in dieser Zeit die Überhand und bereiten mir Sorge und Angst. Das ist dann eine schwierige Zeit – nicht nur für mich, sondern auch für mein Umfeld.

O: Verfolgst Du neben den herkömmlichen Krebsbehandlungen auch noch andere Therapien, um gegen den Krebs zu kämpfen?

S: Grundsätzlich versuche ich, auf einen positiven Lebenswandel zu achten, damit mein Körper nicht mehr kämpfen muss als nötig, der Krebs reicht da schon völlig. Ich ernähre mich gesund, trinke viel und treibe Sport. Außerdem versuche ich Entspannungstechniken und Affirmationen in meinen Alltag einzubauen, um meine Gedanken positiv zu beeinflussen.

O: Du hast ein wunderschönes Profilbild auf Facebook, das bei einem Recover your smile Fotoshooting entstanden ist. Kannst Du uns ein bisschen mehr davon erzählen?

S: Auf Recover your smile bin ich durch andere Krebsblogger aufmerksam geworden. Ich hab die Bilder der anderen immer soo gerne angeschaut und insgeheim wollte ich auch so tolle Bilder von mir haben. Dummerweise stehe ich eigentlich überhaupt nicht gerne vor der Kamera, weil ich mir dabei immer irgendwie doof vorkomme. Ich war vor dem Workshop also dementsprechend nervös, aber die ganze Aufregung war völlig umsonst. Bei den Shootings herrscht so eine tolle Stimmung, das ganze Team vom Fotografen bis zu den Make-Up Artists ist so herzlich und lieb, dass einfach eine totale Wohlfühlatmosphäre herrscht.

Das Shooting fand in einer tollen Location mit einer grandiosen Eingangshalle statt. Zuerst gab es ein kleines Warm-Up Shooting mit Tages-Make Up und im Anschluss durfte man im Kostümfundus toben und wird passend zur Kleiderwahl nochmal geschminkt.

Den Tipp, bei der Kostümwahl ruhig mutig zu sein, habe ich äußerst ernst genommen und kam mit dem größten Stoffberg aus dem Fundus zurück, den wir dann zu einem Kleid mit einer langen Schleppe gewickelt haben. Ich habe mich so wohl gefühlt und kam mir deshalb vor der Kamera auch überhaupt nicht blöd vor. Und ich liebe diese Bilder so sehr, ich könnte sie mir immer wieder ansehen.

Der ganze Workshop hat mir so unendlich viel Spaß gemacht und war richtiges Seelenfutter. Man kommt einfach mal raus aus dem Krebsalltag, wird so toll geschminkt, fühlt sich  einfach nur schön und bekommt auch noch Tipps für zuhause. Eigentlich schwebt man bei den Workshops den ganzen Tag über auf einer Wolke. Ein tolles Gefühl – ich kann das jedem nur wärmstens empfehlen!

Allerdings muss ich auch warnen: Nach dem Workshop haben auf mysteriöse Art und Weise diverse Kosmetikpaletten, Lippenstifte und Pinsel ihren Weg in meinen Badezimmerschrank gefunden und womöglich lief auch das ein oder andere Make-Up Tutorial, welches eifrig nachgeschminkt wurde. Das macht nämlich echt Spaß!

O: Hast Du ein paar hilfreiche Tipps und Tricks für während den Krebsbehandlungen, was beispielsweise Kosmetikprodukte, Ernährung etc. betrifft?

S: Ich finde es besonders wichtig, gut auf seinen Körper zu hören und Entscheidungen abzuwägen. Gerade zu Anfang einer Krebsdiagnose steht man in einem riesigen Urwald aus Informationen, Therapiemöglichkeiten, Alternativen, usw. Hier ist es so wichtig, kritisch zu hinterfragen, wissenschaftliche (!) Studien zu lesen, mit seinen Ärzten zu diskutieren und dann abzuwägen, ob es für einen selbst in Frage kommt. Beispielsweise kursieren so viele „Krebsdiäten“, die Tumore aushungern sollen, im Internet. Diese Diäten können unter bestimmten Umständen einfach nur gefährlich sein, weil man Gewicht verliert und geschwächt wird. Ich versuche auch, mich gut und gesund zu ernähren, da die Ernährung sehr zu meinem Wohlbefinden beiträgt, aber manchmal muss man der Seele auch etwas gönnen, um wieder neue Kraft zu tanken. Deshalb darf man meiner Meinung nach auch ruhig mal einen großen Eisbecher essen, wenn man Lust darauf hat. Solange man unterm Strich mit gutem Gewissen vorgeht, ist alles im grünen Bereich.

Bei Kosmetik habe ich zunächst Tabula rasa im Schrank gemacht: Ich war mir vorher gar nicht bewusst, wie viele schlechte und schädliche Stoffe in Kosmetik sein können. Ich habe mit einer App namens „CodeCheck“ meine Produkte gescannt und aussortiert, was schlechte oder gar hormonell wirksame Inhaltsstoffe hatte, um meinen Körper nicht unnötig zu belasten. Am Ende blieben einige wenige Produkte übrig, hauptsächlich Naturkosmetik mit beruhigender Kamille, Hamamelis und guten Fetten für meine sensible Haut.

O: Woher nimmst Du all die Kraft im Kampf gegen den Krebs?

S: Mein Partner, meine Famile und Freunde geben mir unheimlich viel Kraft und sind immer an meiner Seite. Sie sind da, wenn ich ein offenes Ohr brauche, aber sie sind auch gut darin, mir den berüchtigten Tritt in den Allerwertesten zu geben, wenn ich mich hängen lasse.

Außerdem versuchen wir immer, schöne Erinnerungen zu schaffen und ich konserviere sie in ganz vielen Fotos. Wenn ich dann mal einen Tiefpunkt habe, dann schaue ich mir diese Bilder bei einer guten Tasse Kaffee an, schließe die Augen und reise in Gedanken noch einmal zurück. Meistens hilft das schon ganz viel.

O: Ein Faultier zu streicheln stand auf Deiner Bucket List. Verrätst Du uns, was da sonst noch draufsteht?

S: Ich glaube, das Faultier war der verrückteste Punkt auf der Liste, an dessen Erfüllung ich nie zu glauben gewagt hätte. Umso begeisterter war ich natürlich, als ich zufällig auf die Möglichkeit der Faultierbegegnungen gestoßen bin.

Die Bucket List führe ich schon lange, ich glaube ich habe irgendwann mit 16 damit angefangen. Allerdings ist das keine richtige To-Do Liste, die abgehakt werden muss, sondern eher als Anregungen für tolle Erlebnisse. Viele Dinge habe ich auf die Liste gesetzt und sie irgendwann wieder gestrichen, weil sich die Bedürfnisse ändern. Aber es gab immer ein paar Dauerbrenner: Ich wollte unbedingt einmal ins Disneyland, diesen Wunsch hat mir mein Mann nun zum 30. Geburtstag erfüllt. Und ganz wichtige Punkte, an denen mein Seelenfrieden hing, haben wir inzwischen auch gemacht. Ansonsten stehen noch viele kleine Wünsche auf der Liste, wie ein Picknick oder mal wieder Drachen steigen lassen. Außerdem würde ich gerne mal ein Stück auf dem Jakobsweg gehen und einmal an der Amalfiküste entlangfahren, dort ist es bestimmt sehr schön.

O: Willst Du uns und unseren Leser/innen noch etwas auf den Weg mitgeben?

S: Eine Krebsdiagnose ist schrecklich und sie reißt euch erst einmal aus der Welt. Auch wenn es abgedroschen klingt: Schenkt euren Tagen Leben, nicht andersrum. Vielleicht kann der Krebs entscheiden, wie lange euer Leben dauert, wie schön es aber ist, das liegt in eurer Hand. Macht etwas daraus.

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