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„Perücken verändern das Leben der Kinder gewaltig“ – Interview mit Yochai Mevorach, Gründer des Vereins Haarfee

 

Der österreichische Verein Haarfee ist eine unabhängige Non-Profit-Organisation, die die Herstellung und Schenkung von Perücken für Kinder durch Eigenmittel und Spenden ermöglicht.

Auf unserem Blog ist bereits ein Portrait zum Verein Haarfee erschienen. Nun hatten wir die Möglichkeit im Rahmen eines Interviews mit Yochai Mevorach, dem Gründer des Vereins, mehr über dieses tolle Projekt zu erfahren.

 

Hallo Yochai! Erzähl uns bitte zu Beginn ein bisschen über Dich und Deinen Werdegang, damit unsere Community Dich besser kennenlernen kann.

Ich habe Israel mit 18 als gelernter Friseur verlassen, um die Welt kennenzulernen. Styling Inspirationen holte ich mir unter anderem aus Ibiza, Rio de Janeiro, Paris, London und Berlin. Lange Zeit habe ich dann in Amsterdam gelebt und bin dann 2011 der Liebe wegen nach Wien gezogen. In Wien arbeitete ich dann im folgeeins Haarsalon, wo ich auch gemeinsam mit Avi Malka und Athena Wolph die Hair and Art Academy gründete. 2013 hatte ich dann schließlich die Idee, den Verein Haarfee zu gründen.

Wie bist Du auf die Idee gekommen den Verein Haarfee zu gründen?

Mir ist aufgefallen, dass die Haare, die im Salon geschnitten werden, eigentlich immer entsorgt werden und ich dachte, dass das einfach unheimlich schade ist, wenn es doch Kinder gibt, die keine eigenen Haare haben. So hatte ich dann die Idee, Haare, die in sehr gutem Zustand sind und „nicht mehr gebraucht werden“, sinnvoll zu verwenden, indem wir einfach Perücken daraus machen und sie an bedürftige Kinder verschenken.

 

Wie kann man sich die Perückenherstellung vorstellen? Was sind die verschiedenen Etappen von einer Haarspende bis hin zur fertigen Perücke?

Die Pakete mit Haarspenden werden direkt zu uns in den folgeeins Haarsalon geschickt, wo auch unsere Haarfeen arbeiten. Diese öffnen die Pakete, nehmen die SpenderInnen in unsere Datenbank auf und verschicken Dankeschreiben, und sortieren die Zöpfe nach Haarfarbe und Länge. Die sortierten Zöpfe schicken wir dann paketweise zu unserem Perückenmacher nach Deutschland, wo sie zu hochqualitativen Perücken verarbeitet und wieder zu uns zurückgeschickt werden.

 

Wie lange dauert es, bis eine Perücke fertig ist und wie viel Echthaar ist darin verarbeitet?

Die Produktion einer Perücke dauert 3-6 Monate. Eine Perücke besteht aus zirka 5 Zöpfen und kostet uns 500 Euro.

Werden die Perücken nach den Wünschen der Kinder angefertigt?

Sobald wir eine Perückenanfrage bekommen, bitten wir das Kind oder deren Eltern um ein Foto des Kindes mit seinem (noch) eigenen Haar bzw. von der Wunschfrisur. Dann suchen wir eine Perücke in passender Farbe und Größe und passen diese dann noch nach den genauen Wünschen des Kindes an.

 

Was ist Dein Eindruck, wie verändert eine Perücke das Leben der Kinder?

Die Perücken verändern das Leben der Kinder gewaltig. Sie erlauben ihnen, im alltäglichen Leben neben den Behandlungen ein zumindest etwas „normaleres“ Lebensgefühl beizubehalten. Gerade im Umgang mit anderen Kindern, beim Spielen, in der Schule, etc… können sie sich einfach normal fühlen, ohne Angst, eventuell gehänselt oder angestarrt zu werden.

 

Gab es einen besonders emotionalen Moment oder eine Geschichte, die Dich beeindruckt oder berührt hat?

Eigentlich war bis jetzt jede einzelne Übergabe eine sehr individuelle Geschichte und sehr berührend. Wir lernen jeden Tag etwas Neues dazu und jedes Mal ist es etwas ganz besonderes. Besonders schön ist mir aber noch in Erinnerung geblieben, als wir es letztes Jahr doch noch kurzfristig geschafft haben eine Perücke einen Tag vor Weihnachten zu übergeben. Das war eine besondere Überraschung für das kleine Mädchen und sehr ergreifend.

Aber nicht nur die Geschichten von Perückenübergaben sind sehr berührend, wir bekommen auch oftmals Haarspenden VON Kindern, deren Eltern uns berichten, dass es ein Herzenswunsch ihres zB 6-jährigen Kindes war, anderen kranken Kindern helfen zu dürfen. Das finde ich auch immer sehr berührend.

 

Was für Tipps kannst Du den Kunden von Oncovia bei der Perückenauswahl geben?

Puh, das ist ganz unterschiedlich und kommt auf den jeweiligen Kunden an. Manche möchten zum Beispiel eine Perücke, die ihren alten Haaren entspricht, andere wiederum sehen das vielleicht als „Chance“, mal etwas neues auszuprobieren, „endlich“ mal Locken oder glatte Haare haben zu dürfen, mal eine neue Farbe, einen neuen Schnitt zu probieren. Ganz besonders wichtig ist natürlich, auf den Tragekomfort zu achten, vor allem, wenn die Perücke täglich getragen wird.

 

Was wünscht Du Dir für deine Organisation? Hast Du bereits Zukunftspläne für den Verein Haarfee? Vielleicht die Herstellung von Perücken für Erwachsene?

Als der Verein 2013 gegründet wurde, war es unser Ziel 50 Perücken zu verschenken. Dieses Ziel haben wir 2016 erreicht und mittlerweile weit übertroffen. Mittlerweile haben wir etwa 180 Perücken verschenkt. Unser Ziel ist es, ALLEN Kindern eine Perücke zu schenken, die eine brauchen, egal wo, also egal in welchem Land oder Kontinent sie wohnen.

Wir haben bereits mal überlegt, auch Perücken für Erwachsene zu machen, das ist aber momentan erst mal nur eine Idee. Manches Mal bekommen wir aber zum Beispiel getragene Perücken in sehr gutem Zustand von Erwachsenen gespendet – für diese Perücken suchen wir dann selbstverständlich auch neue TrägerInnen.

 

Hast Du vielleicht noch eine Botschaft, die Du unseren Lesern mit auf den Weg geben möchtest?

Was ich den Kunden ans Herz legen möchte, ist die Perücke als kleine Stütze in einer sehr schwierigen Phase zu sehen, die sie leider erleben müssen, die sie aber als Mensch wachsen lassen kann – stärker machen kann. Und egal, wie schwierig es wird, niemals die Hoffnung aufzugeben.

Mit diesem schönen Schlusswort möchten wir uns ganz herzlich bei Dir für dieses tolle Interview bedanken!